Konzeptpapiere – Eine Parabel

Gestern bat mich mein Sohn (11), ihm noch einmal ausführlich zu erklären, was es denn nun mit dem Sicherheitskonzept der DFL, der Ablehnung des 16 –Punkteplans durch den 1. FC Union und mit den Fanprotesten auf sich habe. So irgendwie hätte er sich schon eine Meinung gebildet, ist sich aber nicht sicher, ob er alles verstanden hätte. Ich entwickelte aus dem Stegreif eine Parabel, welche ich der werten Leserschaft nicht vorenthalten möchte:

Stell dir vor, mein Sohn, die Nachbarschaft hätte letztens mitgehört wie wir uns über deine Vier in Mathematik unterhalten haben. Wirklich ungewöhnlich ist sie gewesen für dich, bringst du doch sonst eigentlich Einsen nach Hause. Gerade deshalb gab es überhaupt nur eine Diskussion über die Note, sonst wird von uns ja immer nur unterschrieben und fertig. Nun wurden die Nachbarn aber Zeuge eines Disputs und machten sich so ihre Gedanken. Eigentlich hat die Nachbarschaft überhaupt keine Ahnung von deinen mathematischen Fähigkeiten, sie weiß nicht einmal wo deine Schule ist und in welche Klasse du gehst, aber von Gespräch zu Gespräch über die Gartenzäune der Siedlung wurde aus einer „Ausrutscher-Vier“ ein ausgewachsenes Leistungsproblem bei dir! Soweit die Wahrnehmung der ÖFFENTLICHKEIT.

Deine Großeltern kommen zu Besuch und lassen sich erzählen, wie alles so läuft. Eigentlich prima, keine Probleme, sagst du. Aber die Nachbarn klären Oma und Opa kurz vor der Abreise auf: Von wegen, alles in Butter! Schlecht ist er in der Schule! Richtig mies. Vieren bringt er an! So kann es nicht weitergehen.
Oma und Opa fühlen sich bemüßigt, mal beim Schulleiter anzurufen. Sie fordern von ihm ein Konzept zur Verbesserung deiner Leistungen. Wenn der Schulleiter nicht reagiere, dann reagieren sie, so ihre Drohung. Deine Großeltern sind in diesem Falle die POLITIKER.

Dein Schulleiter hat eine Idee, wie er die nervigen Großeltern beruhigen kann. Er ist ja schließlich der Chef der Schule und denkt sich etwas aus. Wie wäre es, wenn du und die anderen Schüler auch am Wochenende zum Unterricht kämen? Das wäre deinen Leistungen doch in jedem Falle zuträglich! Diese Idee erzählt er deinen Großeltern auch gleich am Telefon. Blöderweise tut er das jedoch ohne vorher mit den Lehrern oder gar Schülern gesprochen zu haben. Dein Schulleiter ist die DFL.

In der Schule ist jetzt natürlich mächtiger Wirbel. Lehrer und Schüler werden plötzlich mit dem neuen „Leistungskonzept“ konfrontiert und diskutieren hin und her. Es wird dem Schulleiter natürlich übelgenommen, so eine Idee ohne Rücksprache entwickelt zu haben. Es bilden sich Diskussionszirkel. Verbesserungsvorschläge werden gemacht. Hin und wieder rufen auch andere Großeltern an – sogar welche, deren Enkelkinder gar nicht auf deine Schule gehen! Die Lehrer weisen darauf hin, was sie schon alles für die Leistungsverbesserung tun, die Schüler drohen mit Streik. Am Ende ist klar: Unterricht am Wochenende ist mit den Klassen nicht machbar! Die Klassen sind die VEREINE.

Der Schulleiter hat mit so viel Gegenwind nicht gerechnet. Er ändert sein Konzept: Alle Klassen sollen sich jetzt verpflichten, von Montag bis Freitag Unterricht durchzuführen. Der umstrittene Wochenendunterricht ist vom Tisch. Die Klassenverbände sollen in einer Abstimmung über das Konzept entscheiden. Es geht um die Zukunft des Systems Schule.

Bei der Abstimmung wird das neue Konzept mit großer Mehrheit angenommen. Es ändert sich für die Klassen ja nichts. Nur zwei Klassen stimmen genau aus diesem Grund dagegen. Ein solcher Affentanz wegen eines Großeltern-Anrufs ist für sie nicht nachvollziehbar. Die Lehrer der beiden Klassen zeigen dem Schulleiter symbolisch einen Vogel, unterrichten aber natürlich trotzdem von Montag bis Freitag. Wie bisher auch.

Der Schulleiter hat noch einmal die Klassenbücher durchgesehen. In Mathe stehst du auf 1,3. Er sollte jetzt vielleicht mal deine Großeltern anrufen und ihnen das sagen. Und richtig perfekt wäre es, wenn Oma und Opa bei ihrem nächsten Besuch dein Zeugnis in der Nachbarschaft herumzeigten.

4 Kommentare

  1. S.T. (Großvater) sagt:

    Der Text an sich ist sehr gut, nur, daß darin ausgerechnet die Großeltern die Politiker sind, ist unerträglich!

  2. coolhansen sagt:

    Steht ja nicht dabei WELCHE Großeltern! :)

  3. honeypie sagt:

    da die familie als kleinste zelle der gesellschaft gilt sind die großeltern natürlich die “bundespräsidentschaft” ;-)

    in diesem sinne: freiheit! :) ))

  4. Zille sagt:

    Sehr köstlich. Da müssen die Großeltern jetzt leider durch.

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